Initiative Trockene Nacht - Guter Tag - Rat und Hilfe für Bettnässer und Enuresis-Patienten

Studienergebis

Die komplette Studie incl. Grafiken finden Sie als PDF-Download hier.

Auf die richtige Frage kommt es an.

Ergebnisse einer Umfrage von vier Gesundheitsämtern im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen 2012/2013

Zusammenfassung

Bettnässen ist ein Tabuthema. Je älter das betroffene Kind ist, um so peinlicher und bedrückender ist das Thema für die Kinder selbst, aber auch für die Eltern und Familien.

Viele Eltern verschweigen das Thema auch bei ihrem Arzt und nehmen aus Scham keine Hilfe in Anspruch.

Ob Ärzte im Rahmen der Schuleingangs- oder Vorsorgeuntersuchungen auf die Frage nach dem nächtlichen Einnässen eine ehrliche Antwort erhalten, ist von der Fragestellung abhängig.

Auf die richtige Frage kommt es an.

Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen 2012/2013 wurden in vier Gesundheitsämtern mehr als 13.400 Kinder befragt. Wir haben die Ergebnisse von zwei verschiedenen Fragen miteinander verglichen:

Variante 1: Nässt Ihr Kind nachts noch ein?

Variante 2: Wie häufig nässt Ihr Kind nachts noch ein?

Herausgekommen sind signifikant unterschiedliche Antworten.

Stellt man die Frage der Variante 1, „Nässt Ihr Kind nachts noch ein?“, geben 7,65 % aller befragten Eltern an, dass ihr Kind noch regelmäßig einnässt.

Stellt man die Frage der Variante 2, „Wie häufig nässt Ihr Kind nachts noch ein?“, ­geben mehr als doppelt so viele Eltern, nämlich 17,75 %, an, dass ihr Kind nachts noch regelmäßig einnässt.

Wollen wir also wirklich wissen, wie viele und welche Kinder nachts noch nicht zuverlässig trocken sind, müssen die Ärzte die richtige Frage stellen.

Nur so können wir die betroffenen Kinder und Familien herausfinden und ihnen Informationen und Unterstützung anbieten.

Ausgangssituation

Bettnässen (Enuresis) ist ein Tabuthema in der Kindererziehung.

Allein in Deutschland sind mehr als 640.000 Kinder betroffen. Die Enuresis ist die zweit­­häufigste chronische Erkrankung im Kindesalter.

Seit Jahrzehnten ist die irrige Vorstellung verbreitet, dass es sich beim Bettnässen um ein seelisches Problem des Kindes oder um Erziehungsfehler handelt, und viele Eltern wissen nicht, dass es je nach Ursache sinnvolle Therapiemöglichkeiten gibt. Das verhindert häufig, dass Eltern offen mit ihrem Arzt über das nächtliche Einnässen ihres Kindes sprechen.

Tatsache ist aber, dass der weitaus überwiegende Teil der betroffenen Kinder unter einer so genannten primären Enuresis leidet und noch nie länger als sechs Monate nachts zuverlässig trocken gewesen ist. Die primäre Enuresis hat in den seltensten Fällen seelische Ursachen – viel häufiger allerdings hat das Bettnässen, je länger es andauert, dann psychische Folgen. Betroffene Kinder wollen keine Übernachtungsgäste einladen und nicht mit auf Klassenfahrten fahren, und das nächtliche Einnässen mit den Wäschebergen und den unangenehmen Gerüchen belastet die ganze Familie.

Zu den möglichen Ursachen der Enuresis gehört, dass diese Kinder falsch trinken, dass ihre Blase nicht altersgerecht entwickelt ist oder dass sie nachts mehr Urin bilden, als die Blase fassen kann.

Meist ist die Enuresis, die laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) bei Kindern ab dem vollendeten 6. Lebensjahr als behandlungsbedürftige Erkrankung definiert wird, gut therapierbar. Allerdings sprechen viele betroffene Eltern aus Schamgründen nicht mit ihrem Arzt darüber.

Wir von der Initiative Trockene Nacht, die sich als gemeinnütziger Verein dem Thema Bettnässen widmet, stellten uns die Frage, wie wir die Eltern der betroffenen Kinder erreichen können, um sie über die Ursachen und Therapiemöglichkeiten aufzuklären und anzuregen, dass sie mit dem Kinderarzt über das Problem sprechen.

Im Herbst 2012 haben wir uns an verschiedene Gesundheitsämter gewandt mit der Bitte, gemeinsam mit uns im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen für das Schuljahr 2013/2014 eine Studie durchzuführen.

Wir wollten wissen, ob die Formulierung bei der Fragestellung zum Thema Enuresis einen Einfluss auf die Antworten der Eltern hat.

Wir bedanken uns bei den Gesundheitsämtern der Städte Dortmund und Duisburg, des Oberbergischen Kreises und des Hochsauerlandkreises, die uns bei der Studie unterstützt und die Daten für uns gesammelt haben.

Studiendesign

Vier Gesundheitsämter haben an der Studie teilgenommen:

- Gesundheitsamt Dortmund,

- Gesundheitsamt Duisburg,

- Gesundheitsamt Hochsauerlandkreis,

- Gesundheitsamt Oberbergischer Kreis.

Die Fragenbögen, die im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen verwendet wurden, wurden entsprechend unserer Fragestellung angepasst.

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Duisburg und Hochsauerlandkreis

Nässt Ihr Kind nachts noch ein?

 Ja

 Nein

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Dortmund und Oberbergischer Kreis

Wie häufig nässt Ihr Kind nachts noch ein?

 Keinmal

 1- bis 2-mal im Monat

 3- bis 5-mal im Monat

 6- bis 10-mal im Monat

 Fast jede zweite Nacht

 Jede zweite Nacht

 Fast jede Nacht

 Jede Nacht

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Auswertung

Insgesamt wurden 13.437 vollständig ausgefüllte Fragebögen ausgewertet -

6.562 von Mädchen und 6.875 von Jungen.

Im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen wurden alle Eltern nach dem Einnässverhalten ihres Kindes befragt. Es wurden zwei Gruppen gebildet, die unterschiedliche Fragestellungen beantworten sollten:

Nässt Ihr Kind nachts noch ein?

Wie häufig nässt Ihr Kind nachts noch ein?1/i>

Die Antworten auf die verschiedenen Formulierungen unterschieden sich signifikant.

Die Frage „Nässt Ihr Kind nachts noch ein?“ wurde von 92,35 % Eltern mit „Nein“ beantwortet.

Auf die Frage „Wie häufig nässt Ihr Kind nachts noch ein?“ antworteten 82,43% mit „Keinmal“.

Wir sehen darüber hinaus bestätigt, dass von allen Kindern, die nachts einnässen, Jungen deutlich häufiger betroffen sind als Mädchen.

Auch die Häufigkeit des nächtlichen Einnässens pro Monat ist interessant: Jungen sind nicht nur häufiger von Enuresis betroffen, ihre Einnässhäufigkeit ist auch tendenziell höher als die von Mädchen.

Von den Kindern, die nachts noch regelmäßig einnässen, sind es bei den Mädchen 4,16 % und bei den Jungen 5,96 %, die nur ein bis zwei Einnässepisoden im Monat haben. 1,35 % der Mädchen und 3,25 % der Jungen nässen drei- bis fünfmal im Monat ein.

Der überwiegende Teil, nämlich 4,1 % der Mädchen und immerhin 7,84 % der Jungen nässen regelmäßig häufiger als fünfmal im Monat ein.

Schlussfolgerung

Bettnässen (Enuresis) ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Obwohl zur Einschulung laut unserer Umfrage mehr als 17 % aller Kinder nachts noch regelmäßig das Bett einnässen, ist das Thema peinlich und wird meist aus Scham verschwiegen.

Eltern verheimlichen häufig, wenn die eigenen Kinder betroffen sind.

Nur wenige Eltern sprechen das Thema bei ihrem Arzt an, obgleich bei frühzeitiger und kompetenter Behandlung vielen Kindern geholfen werden könnte.

Gerade im Hinblick auf die Folgen, die das unbehandelte Bettnässen mit sich bringen kann – Kinder ziehen sich zurück, schämen sich und nehmen nicht an Klassenfahrten teil, Eltern sind gestresst und fühlen sich schuldig –, ist es sinnvoll, die betroffenen Familien frühzeitig über die Enuresis, den Umgang damit und über die therapeutischen Möglichkeiten zu informieren.

Wird die „richtige“ Frage gestellt, so antworten die Eltern ehrlicher und können eher von ihrem Kinderarzt auf die Problematik angesprochen werden. Ein offener Umgang mit dem Thema senkt den Stress und die Folgen für die ganze Familie.

Laut unserer Umfrage bei mehr als 13.400 Kinder im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen sind mehr als 17 % aller Kinder noch Enuretiker, d. h. sie nässen regelmäßig das Bett ein.

Mehr als ein Drittel dieser Kinder, nämlich 34,23 %, tut dies häufiger als fünfmal im Monat - und die meisten davon nässen fast jede Nacht ein.

Das bedeutet, dass die Belastung dieser ­Kinder und Familien durch das fast nächtliche Einnäs­sen sehr groß ist. Berge von Bettwäsche, unan­genehme Gerüche, Isolierung, Verzweiflung, Scham und Schuldgefühle sind nur einige we­nige der zahlreichen Folgen, die die Enuresis in diesem Alter mit sich bringen kann.

Gehen wir davon aus, dass es trotz vorsichtiger Fragestellung immer noch eine Dunkelziffer gibt, d. h. dass einige Eltern sich immer noch schämen zuzugeben, dass ihre Kinder nachts noch einnässen, dann erhöht sich die Anzahl der Kinder im Alter zwischen fünf und sieben Jahre, die nachts noch regelmäßig das Bett einnässen, vermutlich auf mehr als 20 %.

Wunsch der Initiative Trockene Nacht

Fast jedes fünfte Kind, das eingeschult wird, nässt nachts noch regelmäßig das Bett ein.

Die Initiative Trockene Nacht wünscht sich, dass Kinder- und Jugendmediziner sowie die Hausärzte mehr Sensibilität für das Tabuthema Enuresis entwickeln.

Wir wünschen uns, dass die behandelnden Ärzte in Zukunft alle Eltern von Kindern über sechs Jahre behutsam auf das Bettnässen ansprechen und somit frühzeitig auf die Problematik eingehen können.

Bei Verdacht auf Enuresis sollte der behandelnde Arzt zumindest die 5-Punkte-Enuresis-Diagnostik durchführen:

1. Krankengeschichte des Kindes auswerten

2. Körperliche Untersuchung

3. Ultraschall der Blase und Nieren

4. Urinuntersuchung

5. Auswertung eines Blasentagebuches

Nur wenn diese fünf diagnostischen Schritte sorgsam durchgeführt werden, kann eine Diagnose erstellt und gemeinsam überlegt werden, ob eine sinnvolle Therapie eingeleitet wird.

Eine der häufigen Ursachen des nächtlichen Einnässens ist ein falsches Trinkverhalten des Kindes. Viele Kinder trinken tagsüber zu wenig und beginnen erst am Nachmittag, größere Mengen Flüssigkeit zu sich zu nehmen.

Nicht selten haben Kinder Verstopfung, was sich negativ auf die Blase auswirken kann.

Tipps für die Eltern

  • Eltern, deren Kinder nach dem fünften Geburtstag nachts noch regelmäßig das Bett einnässen, sollten mit ihrem Kind zum Kinderarzt gehen, der im Rahmen der o.g. 5-Punkte-Diagnostik klären kann, ob die Ursache des Einnässens Folge einer gravierenden Erkrankung oder Fehlbildung ist.
  • Das durch ein Blasentagebuch möglicherweise deutlich gewordene Trinkfehlverhalten kann so aufgedeckt und korrigiert werden.
  • Wünschenswert ist es, dass Kinder etwa 50 ml/kg Körpergewicht am Tag trinken.
  • Von der gesamten Tagesmenge sollten Kinder mindestens 75 % vor 17 Uhr getrunken haben.
  • Kinder sollten einmal pro Tag Stuhlgang haben.
  • Vor den Schlafengehen ist es sinnvoll, einmal vor und einmal nach dem Zähneputzen auf die Toilette zu gehen, um die Blase vollständig zu entleeren.
  • Kleine Kinder brauchen einen Hocker vor der Toilette, damit sie dort die Füße bequem aufstellen können. So kann die Blase besser entspannen.
  • Denken Sie daran: Bettnässen kommt häufiger vor, als Sie glauben; und niemand hat Schuld, wenn Ihr Kind einnässt.
  • Um den Stress für die ganze Familie zu senken, empfehlen wir, offen mit dem Thema umzugehen und ggf. auch Windelhöschen und Betteinlagen zu benutzen.