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kowalski
09.05.09 [14:37]
Auch im Jugend- und Erwachsenenalter noch allmorgendlich in einem nassen Bett aufzuwachen ist für die Betroffenen eine zermürbende Erfahrung.
Leider ist es nicht bloß die „Gesellschaft“, die diesem Problem oft rüde und verständnislos begegnet. Auch das direkte Umfeld, hier vor allem die Familie, reagiert meist überzogen und falsch.
Ich selbst leide seit dem ich denken kann unter diesem Problem und bin heute 24. Ich habe nicht nur eine persönliche Leidenskarriere hinter mir, sonder auch eine medizinische. Seit meinem fünften Lebensjahr habe ich etwa vier bis fünf Blasenspiegelungen hinter mich gebracht. Eine extrem schmerzhafte Untersuchung, da ein Katheter mit großem Durchmesser über den Penis, durch die Harnröhre bis in die Blase geführt werden muss. Die ersten beiden Male geschah das ohne Narkose. Da bleiben schon die Untersuchungen bei kleineren Kindern als Trauma hängen. Zeitweise kam auch eine starke Hormontherapie zum Einsatz, danach eine Klingelhose und anschließend auch ein Trinkplan. Mehrmals wurden meine Nieren mit Hilfe von Kontrastmitteln untersucht. Auch den Kernspintomographen durfte ich mehrmals aus der Nähe bewundern. Über die Jahre waren es mehrere, mehrwöchige Krankenhausaufenthalte. Vorzugsweise bei sog. Spezialisten. Es hat SÄMTLICHST wirklich ÜBERHAUPT NICHTS gebracht. Aber es musste ja eine schulmedizinische Diagnose und demzufolge auch eine schulmedizinische Lösung geben.
Warum all diese Scheiße, frage ich mich heute. Ich denke, weil man sich oft selbst keine Fragen stellen möchte. Weil man wohl weiß, dass die Probleme des Kindes über ein paar Ecken auch die eigenen sind. Es gibt nichts, was Kinder derart aus der Bahn zu werfen vermag, wie familiäre Konflikte. Das Kind spielt bei diesen Konflikten aber nie eine aktive Rolle. Sein Leben wird von der Scheiße dominiert, die andere (die Eltern) fabrizieren.
Ich glaube, dass vielen Bettnässern ein psychologisches Problem anheim ist. Es macht niemandem Spaß ins Bett zu pissen. Es ist häufig Symptom oder Ausdruck einer seelischen Verwirrung. Oder es ist ein Indiz für großes Leid, für nicht Aufgearbeitetes. Aber gerade vor diesem Aufarbeiten schrecken viele zurück. Denn man müsste erkennen, was man in unbedachten Momenten an der Psyche des eigenen, wehrlosen Kindes verbrochen hat.
Heute bin ich der Überzeugung, dass der Scheidungskrieg meiner Eltern zu einem psychischen Knacks bei geführt hat. Ich kam damals per Gerichtsbeschluss zu meinem Vater, der wie ein Irrer gearbeitet hat und nie Zeit für mich oder Interesse an mir hatte. Damals war ich sechs und verbrachte die meiste Zeit mit der damaligen Freundin meines Vaters. Sie kam auf die gesamte Situation nicht klar, wollte wahrscheinlich eigene Kinder mit meinem Vater. Das Bettnässen war allerdings ein wirklich rotes Tuch für sie. Jeden Morgen hat sie mich geweckt und mich angezischt: „Na, hast du dich wieder eingeseucht? Widerlich.“ Daraufhin hat sie mir dann zwei geschossen. Wenn sie mich von der Schule abgeholt hat und ich einen Fleck in der Hose hatte, brüllte sie mich an: „Das machst du doch alles extra, gib’s zu.“
Irgendwann hab ich es dann natürlich auch zugegeben.
Damals tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass Papa von alldem nichts wisse. Schließlich ist er ja arbeiten. Es wird wohl kaum der Fall gewesen sein. Man müsste schon mit einer sozialen Sehbehinderung geschlagen sein, um nicht zu registrieren was in der eigenen Familie abgeht. Ich schätze, es gehörte einfach nicht zu den Prioritäten dieses Arschlochs. Statt dessen reagierte man mit ärztlicher Behandlung auf mein „Problem“.
Und dieses Problem begleitet und prägt mich schon mein ganzes Leben. Nie konnte ich mit jemandem darüber sprechen. Nie mit meinem Bruder oder meiner Mutter, ohne das auch sie sagten was ich alles tun „müsse“, um „Das“ loszuwerden. Jemand der das Problem nicht hat, kann sich kaum vorstellen wie es alltäglich einschränkt. Arbeit, Urlaub, Übernachtungen, Beziehungen, Geruch, Schmutz, Pein..... die Liste ließe sich beliebig fortführen. Man fühlt sich manchmal wie ein Freak. Die Menschen respektieren einen nicht. Selbst die Familie scheint einen nur zu tolerieren, respektieren wollen sie nur den Menschen, der man wäre, hätte man das Problem überwunden. Überhaupt ein Selbstwertgefühl entwickelt zu haben, kann man da schon als Etappensieg feiern.
Es ist traurig und zum Erbrechen zugleich, wenn ich hier lesen muss, wie Kinder und Jugendliche mit diesem Problem stigmatisiert werden als seien sie Pestkranke. Selbst bei den mittebar betroffenen, wie den Eltern, scheint ein derartiges Unverständnis und ein derartiges Desinteresse am eigentlichen Befinden des Kindes vorzuherrschen, dass ich mich über meinen eigenen Werdegang kaum mehr zu wundern vermag. Gibt es eigentlich auch noch Eltern, die sich hinsetzten um mit ihren Kleinen Probleme zu ERÖRTERN? Oder gibt’s dafür auch schon ein Medikament. Oder einen operativen Eingriff, dann kann man alles „schlechte“ wegschneiden lassen.
Man gewinnt manchmal den Eindruck, dass es vielen darum geht, sich selbst die „peinlichen“ Momente zu ersparen. Wie es den Betroffenen geht, was für Enttäuschungen und Erniedrigungen sie im Lauf der Jahre wegstecken müssen, ist dabei scheinbar bestenfalls zweitrangig.
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cj
09.05.09 [18:18]
Hallo, ich habe Deinen Beitrag mit Interesse gelesen. Natürlich werden immer igendwelche Probleme gesucht, wenn ein Kind einnässt. Es müssen aber nicht zwingend welche vorliegen. Es ist schlimm, was Du in Deiner Kindheit erleben musstest, aber wir gehen zum Beispiel mittlerweile mit diesem Problem ganz normal um, es gehört inzwischen (leider) dazu. Aber andererseits tut man doch als Eltern alles dafür, um es in den Griff zu bekommen. Leider gehören dazu unangenehme Untersuchungen. Diese haben uns bestätigt, dass unsere Tochter organisch gesund ist und mit den Medikamenten wird es langsam besser, langsam, aber diese kleinen Erfolge tun ihr unheimlich gut. Viele Grüße.
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kowalski
10.05.09 [14:26]
Möglicherweise waren meine Darstellungen etwas harsch und ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass sich Eltern hier durch die Bank weg verhalten, wie es Menschen in meiner Vergangenheit taten.
Natürlich sind medizinische Untersuchungen notwendig um einen organischen Defekt auszuschließen.
Dennoch, wenn ich manche Beiträge hier und in anderen Foren lese, glaube ich fast an eine Art Diagnosewut der Schulmedizin bezüglich organischer Befunde. Mein eigener Fall dient mir dabei als Stütze. Ich habe alle erdenklichen urologischen Untersuchungen mehrmals über mich ergehen lassen, ohne Ergebnis. Die simple Frage ist doch: Haben die erste und die zweite Blasendruckmessung nichts ergeben, warum eine dritte durchführen?
Oder anders: Wieso findet man zuhauf Beiträge über ERNEUTES Einnässen nach bestimmten, in der Regel sozialen, Ereignissen? Wieso findet man so viele Beiträge über erfolglose Behandlungsversuche durch Medikamentierung, Konditionierung etc. ?
Der Wahrheit zu Ehre sei natürlich erwähnt, dass es auch hier positive Beispiele und Entwicklungen gibt. Aber ich glaube man muss gerade auch bei Erscheinungen wie dem Bettnässen die psychologische Komponente stärker einbeziehen. Die Schulmediziner setzten nach wie vor auf die selbe, schulmedizinische Karte. Das hat ideologische und praktische Gründe. Man vertraut einerseits dem hoch „wissenschaftlichen“ Charakter der Schulmedizin und es lässt sich mit aufwendigen Behandlungsmethoden wesentlich mehr Geld verdienen als mit ein paar Stunden auf der „Couch“.
Selbst auf dieser Seite wird in der Einführung behauptet, dass Beeinträchtigungen der Psyche meist Folge und nicht Ursache für Inkontinenz sei. Sagt wer? Die Ärzteschaft eines Uni-Klinikums? Irgendeine „Koryphäe“ auf seinem/ihren Gebiet? Ich kann das aus eigenen Erfahrungen und auch Beiträgen nicht bestätigen. Heißt das jetzt einfach, dass mich meine Erfahrung beständig trügt und die anderen haben Recht?
Die Wirkung der Psyche auf Krankheitsausbrüche, -verläufe und Heilungsprozesse ist empirisch noch gar nicht zur Gänze erforscht. Über Akupunktur wurde seinerzeit aus der Riege der Weißbekittelten auch nur gelächelt. Heute kriegt man’s auf Rezept.
Ich sage einfach: Besonders wenn ein Kind WIEDER anfängt ins Bett zu machen, sollte man auch andere Fragen nach der Ursache stellen. Kinder sind wie Seismographen in einer Beziehung. Da reicht ein handfester Streit den man vor dem Kind austrägt und man kann die Tage bis zur Reaktion zählen. Die Menschen stellen sich selbst ungern Fragen, die unangenehm zu beantworten sind. Klingt zwar mies, aber ich glaube, dass mindesten 30% der chronischen Bettnässer ohne organischen Befund an falscher Behandlung leiden. Und an mangelndem Verständnis.
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Marlo
18.05.09 [17:28]
Hallo!
Es ist doch so: bei einer primären Enuresis sind die Ursachen nun mal fast immer körperlich, dann kann man doch auch den Körper therapieren.
Bei der sekundären Enuresis sind die Ursachen aber oft psychisch und da muss man halt mehr auf die Psyche eingehen.
Ich kann verstehen, dass du bei deinen Erlebnissen Wut auf die Schulmedizin bekommst .
Auch ich trete der Schulmedizin eher skeptisch gegenüber(wir behandeln fast nur homöopathisch...), aber sie hat ihre Berechtigung und wenn ein Kind damit trocken werden kann, ist es doch schön.
Viele Grüße
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