Initiative Trockene Nacht - Guter Tag - Rat und Hilfe für Bettnässer und Enuresis-Patienten
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Historisches zum Thema Bettnässen

Die Geschichte des Bettnässens ist so alt wie die Menschheit. Seit Jahrtausenden haben sich die Menschen mit der Frage beschäftigt woher kommt es, was kann ich dagegen tun und warum gerade ich. Hierbei sind zahlreiche mehr oder weniger skurrile und fragwürdige, aber auch einige vernünftige Therapien und Rezepturen gegen das Bettnässen entwickelt worden.

Rezept von 1552 v. Chr.
Das älteste erhaltene medizinische Dokument, der ägyptische Papyrus von Eber aus dem Jahr 1552 v.Chr., widmet sich dem Thema Enuresis. Hier finden wir auch das älteste schriftlich niedergelegte Rezept gegen das Bettnässen. In dem Papyrus wird empfohlen, Wacholderbeeren in warmem Bier aufzulösen und anschließend dem Patienten zu trinken zu geben.

Plinius der Ältere
Rund 1600 Jahre später, im 1. Jahrhundert nach Chr., empfiehlt der römische Gelehrte Gaius Plinius Secundus Maior, kurz Plinius der Ältere genannt, gegen die nächtliche Harninkontinenz lebendig gekochte Mäuse zu verzehren oder aber die Blase vom Wildschwein oder Hasenhirn gebacken zu verabreichen.

Bettnässer & Kirche
Die Kirche widmete sich dem Thema Bettnässen, indem sie den notleidenden Gläubigen einen der 14 Nothelfer als Patron gegen das Bettnässen zur Seite stellt. Als Schutzpatron der Bettnässer wird der heilige Veit (Vitus) genannt, der im dritten Jahrhundert in Italien lebte. Ihm gewidmet ist der folgende Reim:

Heiliger Sankt Veit:
Wecke mich bei Zeit!
Nicht zu früh und nicht zu spät,
Dass auch nichts ins Bette geht!

Neben den Bettnässern schützt der Heilige auch die Apotheker, Gastwirte, Bierbrauer, Winzer, Kupferschmiede, Tänzer und Schauspieler, die Jugend, die Haustiere, die Stummen und Tauben; er ist der Patron für Keuschheit, gute Saat und gute Ernte, gegen Unfruchtbarkeit, Besessenheit, Aufregung, Hysterie, Krämpfe, Tollwut und Veitstanz, Augen- und Ohrenleiden, Schlangenbiss, Epilepsie, Unwetter, Blitz und Feuersbrunst. St. Veits Gedenktag ist der 15. Juni.

Der Wanderarzt Paul von Ägina
Vom Wanderarzt Paul von Ägina (Paulos von Aigina) sind einige skurrile Rezepte gegen Bettnässen und Harninkontinenz aus dem 7. Jahrhundert überliefert, in denen er unter anderem Hahnenköpfe, Chrysanthemen, Hasenhoden und Weinraute verwendet. Mehr zu diesen Rezepturen finden Sie hier.

Rhasis
Zwei weitere Rezepte sind aus dem 9. Jahrhundert aus dem heutigen Persien erhalten. Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya al-Razi, geboren 864 im heutigen Persien), auch als Rhazes oder Rasis bekannt, war ein bedeutender persischer Arzt. Auch er hat sich offensichtlich mit dem Bettnässen beschäftigt. Die von ihm gefundenen Rezepte sind aber weniger der Naturheilkunde als eher der Zauberei zuzuordnen, denn hier soll das Pulver eines getrockneten Hahnenkamms heimlich über die Schlafstatt des Bettnässers verstreut werden.

Enuresis als Problem der Kinderheilkunde erkannt
Paulus Bagellardus veröffentlichte 1472 das erste gedruckte Buch über Kinderheilkunde mit einem ganzen Kapitel über Harninkontinenz und Enuresis, das sowohl aus alten und bekannten Kommentaren als auch aus seinen neuen Beobachtungen zum Thema bestand. Offensichtlich kam es nicht so selten vor, dass auch ältere Kinder und deren Eltern - er berichtet hier von Kindern, die älter als 6 Jahre sind - häufiger mit dem Problem des Bettnässens zu kämpfen hatten. Er schreibt: Eltern sind besonders traurig wegen des Bettnässens, wenn Kinder oder Kleinkinder, die jünger als 3 Jahre sind, ständig Wasser ins Bett lassen, und dies manchmal nicht nur sporadisch, sondern jede Nacht, und nicht nur bis zum Alter von 5 oder 6 Jahren, sondern auch darüber hinaus bis zur Pubertät.

Of Pyssing in the Bed
Das erste in englisch verfasste Buch über Kinderkrankheiten verfasste 1544 der Engländer Thomas Phaer. Dieses Werk enthält ein Kapitel mit der Überschrift "Of Pyssing in the Bed", worin er das für Kinder und Eltern gleichermaßen unangenehme Bettnässen, die Enuresis beschrieb. In diesem Kapitel empfiehlt Thomas Phaer verschiedene Diäten und Rezepturen. So soll es helfen, wenn man kein fettes Fleisch zu sich nimmt und Medizin aus pulverisierten Hühnertracheen, getrockneten pulverisierten Igeln und gemahlenen Geißklauen, die als Getränk Besserung bewirken sollen.

Mediziner lösen Heilkundler ab
Ab dem 17. Jahrhundert wird das Bettnässen in vielen medizinischen Fachbüchern über Kinderheilkunde behandelt. Wir gehen davon aus, dass die Häufigkeit, mit der das Bettnässen bei Kindern auftrat, im Laufe der Jahrhunderte in etwa gleich blieb. Aus Ulm ist folgendes Rezept in Reimform überliefert:

So man den Igel tut zur puren Aschen brennen,
sie hilfet denen, die den Harn nicht halten können.

Auch als zunehmend mehr medizinische Grundlagenforscher ans Werk gingen und die Mystiker immer mehr aus der Zunft der Heiler verschwanden, kamen die Mediziner mit einer vernünftigen Erklärung für diese Störung nicht wirklich weiter.

Das Penisjoch
Es mag der Verzweiflung entspringen, keine funktionierende Therapie gegen das Bettnässen zu kennen, dass 1751 in dem chirurgischen Fachbuch „Surgery“ von Sharp eine folterähnliche mechanische Methode vorgestellt wurde, die allerdings nur für das männliche Geschlecht anzuwenden war. Um unbeabsichtigtes Urinieren zu verhindern, wurde der Penis mit Hilfe eines kleinen eisernen samtbezogenen Jochs abgeklemmt. Die Klemme wurde nur dann geöffnet, wenn ein Harndrang bestand und der Proband urinieren wollte.

Wenig trinken soll helfen
Intuitiv mutet die Behandlung der nächtlichen Enuresis bei Kindern durch Hufeland vernünftig an. Er empfiehlt Reduzierung der Trinkmenge vor dem Schlafengehen, das mehrmalige Wecken während der Nacht, um den Urin zu lassen, und im äußersten Fall rät er zum Anbinden einer biegsamen Flasche in der Nacht. Allerdings braucht der Körper eine ausreichende Menge an Flüssigkeit, und eine allzu große Restriktion beim Trinken kann eher schädlich als nützlich sein.

Enuresis als Thema der Pädiater
Mitte des 19. Jahrhunderts gab es immer mehr medizinische Fachliteratur, und auch die Artikel zum Thema Bettnässen nahmen zu. Es gibt kaum ein pädiatrisches Werk aus dieser Zeit, in dem nicht ein Kapitel über die Enuresis zu finden ist. Enuresis wird jetzt erstmalig nicht mehr nur als medizinisches und soziales, sondern auch als ökonomisches Problem behandelt.

Bettnässen als soziales Problem
Kritische Stimmen vermerken, dass es den ärmeren bettnässenden Kindern nicht möglich war, regelmäßig für die erforderliche frische Bettwäsche zu sorgen. Dies führte nicht selten zu Ausgrenzungen auch innerhalb der Familie und vor allem zu Problemen bei der Berufswahl. Bettnässende Kinder konnte man nicht als Haushilfen fortgeben, denn welcher Haushalt wollte schon einen bettnässenden Dienstboten einstellen.

Überlegungen zur Ursache des Bettnässens
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts finden wir in der Literatur erste Hinweise auf die Ursache der Enuresis, die heute wissenschaftlich bewiesen werden können. Durch Beobachtungen war deutlich geworden, dass die Enuresis in einigen Familien gehäuft vorkam. Man ging also zumindest von einer erblichen Komponente der Störung aus. Außerdem wurde beobachtet, dass die Enuresis oftmals einhergeht mit besonders tiefem Schlaf der Kinder. Aber daraus entwickelte sich noch immer kein Ansatz für eine sinnvolle Therapie. Immer noch wurden neben heute skurril anmutenden Rezepturen auch eine Reihe von operativen Maßnahmen empfohlen, die zum Teil sehr radikale, grausame und zum Teil gefährliche Eingriffe beinhalteten, darunter

  • Cauterisierung (Ausbrennen) der Prostata [Thompson],
  • Verplomben der Urethra (Harnröhre) [Corrigan],
  • Ballontamponade in der Vagina,
  • epidurale Injektion (ins Rückenmark) von Salzlösungen.

Elektroschock als Vorläufer der Alarmtherapie
1830 schon gab es einen Vorläufer der heute verwendeten Alarmtherapie. J. Nyle beschreibt in seinem Werk „Incontinence of Urine“ eine Elektroschockmethode, um das nächtliche Einnässen zu kurieren. Der Pol einer Batterie wurde mit einem feuchten Schwamm zwischen die Schultern das Patienten angebracht. Der andere Pol mit einem trockenen Schwamm an den Ausgang der Harnröhre deponiert. Sobald der Patient eingeschlafen war und nachts unwillentlich die Blase entleerte, wurde der zweite Schwamm nass und stellte so eine elektrische Verbindung zur Batterie her. Der elektrische Schock weckte den Patienten, unterbrach das Urinieren und das Bett blieb trocken.

Beschneidung als Enuresis-Therapie
Die Beschneidung galt zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert bei zahlreichen Medizinern als eine angemessene und erfolgreiche Therapie bei Jungen mit Enuresis. [A.Lewis 1887; G.F.Shrady 1896; W.G.Steele 1902]

Hausmittel mit zweifelhaftem Erfolg
Sowohl in England unter Königin Victoria (1819-1901) als auch im deutschen Kaiserreich ging man das Bettnässen mit so genannten Erziehungskorrekturen an. Die Methoden waren vielfältig, man versuchte es mit Bestrafung und legte dem bettnässenden Kind Stahlnägel in das Bett, badete das Kind kalt und heiß und demütigte die Betroffenen. Mal sollte es helfen, wenn dem Kind nachts ein wärmerer, mal wenn ihm ein kühlerer Pyjama angezogen wurde, oder das Kind musste die ganze Nacht auf dem Bauch schlafen. Erich Maria Remarque beschreibt in seinem Buch „Im Westen nichts Neues“ den überaus peinlichen Therapieversuch, in dem bei jungen Erwachsenen durch gegenseitige „Belästigung“ eine Konditionierung erreicht werden sollte. Man lies die Probanden in Etagenbetten schlafen, wobei mal der eine und mal der andere oben schlafen musste. Ein weiteres Hausmittel, welches gern empfohlen wurde, war es, dem Kind einen Totenkopf unters Bett zu legen.

Onanie als Ursache des Bettnässens?
1913 schreibt die Ärztin Dr. med. Anna Fischer-Dückelmann in ihrem Buch "Die Frau als Hausärztin" zum Thema Bettnässen: "Mitunter spielt auch Onanie mit, weshalb unauffällige Beobachtung und Kontrolle des Kindes notwendig ist." Sie rät darüber hinaus auch das Becken hochzulagern, damit der Urin in den oberen Teil der Blase läuft und so den Schließmuskel vom Druck befreit, und hat auch einige Tipps, die noch heute gelten: "Spricht man außerdem liebreich zu, ist man bemüht, auf das Ehrgefühl einzuwirken, so erreicht man mit Geduld und Festigkeit viel mehr, als mit Strenge und Zorn".

Enuresis eine Neurose?
Der Vater der Psychoanalyse Sigmund Freud sah in der Enuresis eine Neurose oder den Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung.

"Sind Sie Bettnässer?"
Das war einer der Fragen, die italienische Arbeiter auf einem Fragebogen beantworten sollten, wenn sie in den 1960er Jahren als Gastarbeiter in Deutschland arbeiten wollten. Die Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit richtete eigens für die Anwerbung und Vermittlung von Gastarbeitern in Verona und in Neapel die "Deutsche Kommission" ein. Die aufwändige Anwerbeprozedur forderte eine Vielzahl behördlicher Bescheinigungen, wie auch einen Strafregisterauszug. Und die Bewerber mussten sich in einem der Zentren einfinden, wo deutsche Ärzte ihren Gesundheitszustand überprüfen: "Leiden Sie an Krampfanfällen oder Bewusstseinsstörungen? Benötigen Sie bei der Arbeit eine Brille? Sind Sie Bettnässer?" Und nur, wer alle Kriterien erfüllte, also u.a. kein Bettnässer war, erhielt eine Zugfahrkarte in Richtung Norden - mit einem Merkblatt über Verhaltensregeln in der Bundesrepublik.

Mythen der 1960er Jahre
In den 1960er Jahren finden wir in Elternratgebern folgende Hinweise:

„Rinnt die Wanne, in der das Neugeborne gebadet wird, so muss es sein ganzes Leben ins Bett machen.“

„Wenn die Paten und Hebamme auf dem Wege zur Taufe und wieder zurück ihrem Harndrang nachgeben, wird das Kind unfehlbar ein Bettnässer.“

In einem Ratgeber für Kindererziehung aus dem 60er Jahren wird erklärt, worin man die Ursache sah: „Am Einnässen ist nicht schuld, wie manche Eltern fälschlich glauben: Blasenschwäche, Verkühlung des Unterleibes, zuviel Trinken am Abend, Faulheit, Ungezogenheit, sondern: Bettnässen ist eine seelische Störung. ... Das Kind kehrt nachts im Unbewussten oder traumhaft in den Mutterleib zurück."

Peinlich war ein Bett nässendes Kind in den 1960er Jahren allemal. Es wurde im besten Fall einfach nicht drüber geredet. Wie man in jener Zeit (und leider heute immer noch) üblicherweise mit dem Problem des Bettnässens umgegangen ist, beschreibt ein Autor folgendermaßen:

„Ein Auto, das stehen bleibt, bringt man unverzüglich zur Inspektion. Bei einer Waschmaschine, die tropft, ruft man sofort den Dachmann. Nicht so bei einem Kinde. Man ohrfeigt es. Würde jemand in Auto auf diese Art behandeln, würde an seinem Verstand zweifeln. ... Kein Mensch geniert sich, seinen Mitmenschen kundzutun, dass der Wasserhahn in der Küche tröpfelt. Beim Kinde hält man es für Schande und Verbrechen.“

[Aus: Unser Kind 4 Jahre, und: Unser Kind 5 Jahre. Franz Schneider Verlag 1965]

Zeitgenössische Hausmittel
Auch heute noch werden eine ganze Reihe von Hausmittelchen angewendet, wenn das Kind nicht von allein trocken wird. Vitamin B, Kürbiskerne, Belladonna oder die verschiedensten Diäten mögen dem ein oder anderen Kind helfen, ihre Wirksamkeit ist aber nie wissenschaftlich nachgewiesen worden.